"In einer technisch und sozial fortschrittlichen Gesellschaft können Menschen nach ihrem Tod in einer virtuellen Welt eine erweiterte Lebensdauer erhalten, und dort ihre Träume und Wünsche verwirklichen... "
( SciFi - Kurzgeschichte )
Die halbe Unwahrheit des Mind-Uploads
So jedenfalls lautete die Vision eines Forschungsinstituts, als es damit begann, ein so genanntes "Mind-Upload" Programm zu entwickeln, mit dem die Menschen, wie es weiter hieß, "...freiwillig die Grenzen zwischen ihrem biologischen Leben und einer digitalen Existenz überwinden können." In ihren Werbetexten wurde dann gerne erzählt, dass die Menschen ja bereits zu ihren Lebzeiten Zugang zu Bildung und Entwicklungsmöglichkeiten haben, sowohl in der realen, als auch in der virtuellen Welt und diejenigen, die sich für den Mind-Upload entscheiden, haben in der virtuellen Welt die Möglichkeit, nach ihrem Tod eine neue Form ihrer Existenz zu erleben.
Schon von Anbeginn der Entwicklung des Programms fühlte sich das Forschungsinstitut der Wahrheit und Transparenz verpflichtet und bemühte sich um einen lebendigen Dialog zwischen den Forschenden und der Allgemeinheit. Dabei vertrat es die Ansicht, dass die Voraussetzung für eine Akzeptanz des Programms in der gleichberechtigten Betrachtung der Risiken und Chancen liegt, die mit einer so bahnbrechenden neuen Technologie verbunden sind und dass die Ängste und Bedenken der Menschen genau so ernst genommen werden müssen, wie ihre Hoffnungen.
Allerdings wurde die Diskussion in der öffentlichen Wahrnehmung von vielen zunächst als zu akademisch empfunden oder als reine Science-Fiktion abgelehnt. Das sollte sich aber schon bald ändern, als plötzlich in den Medien über einen Skandal berichtet wurde, der viel Aufsehen erregte.
In einem ganz normalen Betrieb, in dem scheinbar nichts Ungewöhnliches geschah, schufteten Arbeitskräfte für skrupellose Betrüger und wurden unter dem Vorwand, später an einem Mind-Upload-Programm teilnehmen zu können, dazu gebracht, bedingungslos ihre harte Arbeit zu verrichten. Ihnen wurde erzählt, sie würden nach ihrem Tod in eine digitale Welt gelangen und dort ein besseres Dasein führen. Ihnen war nicht klar, dass sie nur ausgenutzt wurden.
Fragen und jede Kritik wurden sofort unterdrückt, immer mit der Begründung, dass es ihnen nach ihrem Tod doch besser ginge und sie dann alle Möglichkeiten der Selbstverwirklichung hätten. Das versprochene Mind-Upload-Programm existierte für sie aber nicht. Es war eine Lüge!
Die Wahrheit kommt erst ans Licht, als einer der Verantwortlichen des Betriebes ethische Bedenken hat und sich um die Menschenrechte der Arbeitskräfte sorgt. So wendet er sich als Whistleblower an die Medien, um von dem Betrug zu berichten. Seine Kontaktaufnahme findet bei einem Journalisten Gehör, der nicht nur Verständnis für die Bedenken zeigt, sondern auch die Frage stellt, warum die anderen Verantwortlichen nicht auch diese Zweifel haben.
Der Whistleblower erklärt dem Journalisten, dass er schon seit einiger Zeit versuchte, die Betreiber davon zu überzeugen, nicht länger ihre Unwahrheiten zu verbreiten, diese darauf aber mit dem Argument reagierten, dass es tatsächlich ein Forschungsinstitut gibt, das an einem Mind-Upload-Programm arbeitet, welches allerdings noch in der Entwicklungsphase steckt.
Somit würden sie nur die "halbe Unwahrheit" behaupten und sobald das Programm fertig entwickelt sei, hätten die Beschäftigten vielleicht sogar eine erhöhte Chance auf Zugang zum Programm, da das Forschungsinstitut die Hoffnung der Arbeiter besonders schätzen und belohnen würde. Außerdem würden sie den Beschäftigten durch die Illusion der Hoffnung ja auch etwas Gutes geben und es ihnen dadurch möglicherweise sogar besser ginge, als den Betreibern selbst.
Der Journalist war schockiert über die Skrupellosigkeit der Betreiber dieser Firma, ebenso wie das Forschungsinstitut, das erst aus den Medien davon erfuhr und sofort rechtliche Schritte gegen das Unternehmen einleitete.
Plötzlich stand das Mind-Upload-Programm im Fokus der öffentlichen Diskussion und die Chancen und Risiken des Programms wurden in einem neuen Kontext diskutiert, auch innerhalb des Forschungsinstituts unter den Entwicklern. Bisher suchte man nach allen möglichen Risiken und versuchte auch, neue Risikoszenarien zu entwickeln, an die man vorher vielleicht noch nicht gedacht hatte, bei denen es aber vorrangig um die Abwehr von Hackerangriffen ging. Das Institut wollte dann mögliche Lösungen finden, um damit auch seine Offenheit und Verantwortung zu zeigen und somit für mehr Akzeptanz für das Programm werben.
Nun sah man sich jedoch mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass offensichtlich bereits bei vielen Menschen, eine in diesem Ausmaß nicht erwartete, hohe Akzeptanz vorhanden war, verbunden mit einem Übermaß an positiven Erwartungen und Hoffnungen, die das Institut zum derzeitigen Entwicklungsstand des Programms noch gar nicht erfüllen konnte und dass es zusätzlich auch wichtig war, Sicherheitsmaßnahmen gegen falsche Versprechen zu entwickeln.
Das Forschungsinstitut lud nicht nur diejenigen ein, die direkt von der Täuschung betroffen waren, sondern auch die Allgemeinheit, um sie an der weiteren Entwicklung der Technologie zu beteiligen. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Laien ermöglichte eine breite Palette von Perspektiven, die dazu beitrugen, die Technologie vielseitiger und ethischer zu gestalten und die Öffnung der Labore für die breite Öffentlichkeit war ein revolutionärer Schritt, der die Zukunft der Menschheit stark beeinflussen sollte.
Die Möglichkeit, das Bewusstsein in eine digitale Existenz zu übertragen, war nicht mehr nur eine Zukunftsvision, sondern entwickelte sich zu einer realen Option, die von einer globalen Gemeinschaft erforscht und gestaltet wurde.