Aliens und möglicher Kontakt
Theorien und Argumente zur Frage nach außerirdischen Zivilisationen und den Bedingungen eines möglichen Kontakts
- vom Fermi-Paradoxon über die Drake-Gleichung bis zur Hart-Tipler-These der Nichtexistenz von Aliens und den Folgen für das SETI-Projekt, den Gegenargumenten renommierter Wissenschaftler und aktuellen Suchmethoden...
Inhalt ( Teil 1 - 5 )
- Teil I: Fermi-Paradoxon - Warum hören wir nichts von außerirdischen Zivilisationen?
- Teil II: Die Hoffnung bekommt eine Formel - Die Drake-Gleichung und die erste Suche
- Teil III: Keine Aliens - die provokante These von Michael H. Hart
- Teil IV: Die Konfrontation - Kritik an Hart und Tipler und neue Sichtweisen
- Teil V: Vom SETI-Programm der NASA zur privaten SETI-Forschung
Teil III: Keine Aliens - die provokante These von Michael H. Hart
Der US-amerikanische Astrophysiker Michael H. Hart gab im Jahr 1975 auf die berühmte "Fermi-Frage", warum wir noch keine Aliens entdeckt haben, eine eindeutige Antwort: "Sie existieren nicht!". Die Erklärungsversuche vieler Wissenschaftler, warum wir noch keine Aliens oder zumindest Hinweise darauf entdeckt haben, lehnte Hart allesamt als unbegründet und somit als unzulässig ab.
Wenn jedoch sämtliche Erklärungen unzulässig seien, dann ließe das nur den einen Schluss zu, dass die Menschheit die einzige technisch fortschrittliche Zivilisation im Weltall ist.
Hart veröffentlichte seine These 1975 erstmals in seinem Artikel "Explanation for the Absence of Extraterrestrials on Earth" ("Erklärung für die Abwesenheit Außerirdischer auf der Erde") im britischen Wissenschaftsmagazin "Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society".
Um die Unzulässigkeit aller bisherigen Erklärungen zu begründen, unterteilte Hart diese in vier Hauptkategorien. Die erste fasste er unter dem Begriff "Physikalische Erklärungen" zusammen.
1. Hauptkategorie: "Physikalische Erklärungen"
Hier untersuchte Hart die häufig genannte Behauptung, Aliens hätten die Erde niemals erreicht, da die physikalischen, astronomischen, biologischen oder technischen Hürden derart hoch seien, dass interstellare Reisen unmöglich sind.
Hart argumentierte, der hohe Energiebedarf für ein interstellares Raumschiff und damit die große Treibstoffmenge, erscheine nur auf den ersten Blick als eines der größten Hindernisse. Würde statt des herkömmlichen chemischen Treibstoffs Kernenergie als Antrieb verwendet oder künftig eine neue Antriebsart erfunden, ließen sich solche Reisen durchaus realisieren. Vorstellbar sei auch, dass ein Raumschiff während seiner Reise freien Wasserstoff aufnimmt, der sich in großen Mengen im Weltall befindet und der dann als Treibstoff dient.
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, der Artikel stamme von einem Autor, der die Auffassung vertritt, dass Aliens eines Tages auch die Erde erreichen könnten. Hart will jedoch die gegenteilige Annahme begründen, nämlich dass Aliens niemals die Erde erreichen werden und wir sie nie entdecken, ganz einfach weil es keine außerirdischen technisch fortgeschrittenen Zivilisationen gibt!
Behauptet beispielsweise ein Wissenschaftler, die interstellare Raumfahrt sei sehr aufwendig und eine solche Reise würde sehr lange dauern, daher müssten wir nur lange genug warten, bis wir Außerirdische entdecken, entkräftet Hart dies sofort, indem er entgegnet, die interstellare Raumfahrt sei gar nicht so aufwendig. Demzufolge hätten Aliens die Erde schon längst erreichen können. Da sie dies offensichtlich nicht getan haben, sei das ein ernst zu nehmender Hinweis darauf, dass sie gar nicht existieren.
Auch die biologischen Hürden langer Reisen, etwa dass der menschliche Körper für einen langen Aufenthalt im Weltall nicht geeignet ist, sind für Hart nur scheinbare Probleme. Denkbar wäre, eine Methode des Einfrierens und Wiederbelebens zu entwickeln, sodass sich der Körper während der Reise in einer Art "Winterschlaf" befindet. Dies ist zwar nach heutigem Stand der Medizin noch nicht möglich, könnte aber von technisch fortgeschritteneren Zivilisationen bereits praktiziert werden.
Vielleicht befänden sich an Bord eines solchen Alien-Raumschiffs auch eingefrorene, befruchtete Eizellen, die von Robotern bei Ankunft am Zielort aufgetaut und zur Aufzucht einer neuen Alien-Generation verwendet werden.
Ebenso könnten sie ein sehr großes Generationenraumschiff planen, auf dem die Besatzung ihr gesamtes Leben verbringt und nachfolgende Generationen die Mission fortführen. Gerade dieser Gedanke würde aus menschlicher Sicht viele ethische Fragen aufwerfen, etwa ob es vertretbar wäre, den an Bord geborenen Kindern ein solches Leben zuzumuten. Auch fänden sich für die erste Generation möglicherweise nicht genug Besatzungsmitglieder, die bereit wären, dort ihr ganzes Leben zu verbringen.
Hart entkräftet diesen Einwand, indem er argumentiert, dass wir nicht davon ausgehen können, Aliens hätten eine menschenähnliche Lebensspanne. Eine intelligente Zivilisation, die uns technologisch und medizinisch voraus ist, könnte eine Lebenserwartung von mehreren Jahrtausenden besitzen. Für solche Wesen gäbe es keine Notwendigkeit für ein Generationenraumschiff. Eine 200-jährige interstellare Reise wäre für sie kein ganzes Leben, das sie opfern müssten, sondern lediglich ein überschaubarer und planbarer Lebensabschnitt. Das Problem der langen Reisezeit stellte sich somit für sie gar nicht erst.
Zusammenfassend stellt Hart fest, dass alle Erklärungen, warum wir bisher noch keine Aliens entdeckt haben, als unzulässig zu bewerten seien, da es aus den von ihm geschilderten Gründen durchaus möglich wäre, solche Reisen zu unternehmen. Wir hätten sie also bereits entdeckt haben müssen - das ist nicht der Fall und das kann nur bedeuten, dass sie nicht existieren.
In dieser Form argumentiert Hart auch gegen weitere Erklärungsversuche, die mit möglichen besonderen Verhaltensweisen fremder Zivilisationen zusammenhängen. Diese fasst er in einer zweiten Kategorie unter dem Begriff "Soziologische Erklärungen" zusammen.
2. Hauptkategorie: "Soziologische Erklärungen"
Lautet die Erklärung etwa, Aliens wären eher an spirituellen oder künstlerischen Themen interessiert und hätten daher gar kein Interesse an der Erforschung des Weltraums, entkräftet Hart dies, indem er entgegnet, eine technisch fortschrittliche Alien-Zivilisation könnte schon hunderttausende Jahre existieren und im Laufe ihres langen Bestehens vermutlich unterschiedliche Phasen ihrer Kultur oder politischen Gesellschaftsform durchlaufen haben.
Angenommen, eine solche Zivilisation habe sich im Jahr 600.000 v. Chr. dazu entschlossen, keine interstellare Raumfahrt zu betreiben, könnte sie tausend Jahre später, also 599.000 v. Chr., ihre Ansichten geändert haben und wieder durch das Weltall reisen.
Wieder tausend Jahre später, also 598.000 v. Chr., könnten kulturelle oder politische Umbrüche in ihrer Gesellschaft dazu geführt haben, erneut andere Interessen zu verfolgen, und so weiter.
Doch selbst unter der eher unwahrscheinlichen Annahme, dass in einer Alien-Zivilisation über hunderttausende Jahre hinweg keine solchen Veränderungen stattgefunden haben, müsste das nicht zwangsläufig für alle anderen Alien-Zivilisationen in der Galaxie gelten.
Weitere Erklärungsversuche, etwa Alien-Zivilisationen würden sich selbst zerstören, sobald sie die Fähigkeit hätten, Atomwaffen zu entwickeln "Selbstzerstörungs-Hypothese", oder die sogenannte "Zoo-Hypothese", die besagt, Aliens betrachteten die Erde als ein riesiges Naturschutzgebiet und beobachteten ihre Bewohner allenfalls im Rahmen einer Verhaltensforschung wie exotische Tiere in einem Zoo, jedoch von den Menschen unerkannt, um ihre natürliche Entwicklung nicht zu stören, lehnt Hart ebenfalls als unwissenschaftlich und daher unzulässig ab.
Hier argumentiert Hart, dass es keine wissenschaftlichen Belege für die "Selbstzerstörungs-Hypothese" oder die "Zoo-Hypothese" gibt und dass es hierzu auch keine von Soziologen oder Psychologen anerkannte Theorie geben kann, da der einzige "Beweis", wie sich Zivilisationen verhalten, von uns Menschen selbst stammt, einer Spezies, die sich trotz Atomwaffen nicht selbst zerstört hat und die bei der Kolonialisierung ihres eigenen Planeten zu keiner Zeit so rücksichtsvoll war, neu entdeckte Kulturen einfach nur zu beobachten ohne sich in deren Entwicklung einzumischen.
Hart nahm an, dass technisch fortschrittliche Zivilisationen - wenn es sie denn überhaupt gäbe und wenn sie interstellare Raumfahrt betreiben könnten - damit beginnen würden, nach anderen bewohnbaren Planeten zu suchen und diese zu besiedeln. Sie würden Kolonien gründen, dort wiederum Raumschiffe bauen, von dort aus weitere bewohnbare Planeten kolonisieren und damit eine Welle der Besiedlung auslösen.
Daher müssten wir eigentlich schon längst Hinweise auf Aliens entdeckt haben. Da dies jedoch nicht der Fall ist, sollten wir diese Tatsache als den einzigen uns zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Beweis anerkennen, dass es außer der Menschheit keine andere technisch fortgeschrittene Zivilisation im Weltall gibt.
Auch dem häufig genannten Argument, die Entfernungen zwischen den Sternen seien so groß, dass Aliens, selbst wenn sie mit ihren Raumschiffen nahe der Lichtgeschwindigkeit durchs All reisten, sehr lange bräuchten, um die Erde zu erreichen, entgegnet Hart nach dem gleichen Schema wie zuvor und fasst seine Argumente in einer dritten Hauptkategorie unter dem Begriff "Temporäre (zeitbezogene) Erklärungen" zusammen.
3. Hauptkategorie: "Temporäre (zeitbezogene) Erklärungen"
Selbst wenn sich außerirdische Raumschiffe nur mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit fortbewegen würden, so argumentierte Hart, ließe sich die vollständige Besiedelung der Galaxie bereits in wenigen Millionen Jahren erreichen. Im Vergleich zum hohen Alter einer Galaxie von mehreren Milliarden Jahren wäre das immer noch eine relativ kurze Zeitspanne.
Hart schlussfolgerte daraus, dass seit langer Zeit und überall in unserer Galaxie, insbesondere angesichts ihres hohen Alters und der vergleichsweise kurzen Zeit, die Außerirdische für ihre vollständige Besiedlung benötigen würden, deutliche Hinweise auf die Existenz Außerirdischer erkennbar sein müssten, etwa durch direkten Kontakt oder zumindest den Empfang außerirdischer Radiosignale. Die Tatsache, dass diese Hinweise nicht zu finden sind, spreche erneut dafür, dass sie gar nicht existieren!
In der vierten Kategorie seines Artikels, unter der Bezeichnung "Vielleicht waren sie bereits hier", befasst sich Hart mit all jenen Wissenschaftlern, aber auch Sachbuch- oder Science-Fiction-Autoren, die die Möglichkeit in Betracht ziehen, Aliens könnten in der Vergangenheit bereits die Erde besucht haben und wieder abgereist sein.
4. Hauptkategorie: "Vielleicht waren sie bereits hier"
Den Befürwortern dieser Hypothese entgegnet er, dass es auch hierfür keine anerkannte soziologische Theorie geben könne, die das Verhalten außerirdischer Besucher erklärte, ständig den Entschluss zu fassen, die Erde nicht zu besiedeln. Ein solcher universeller Verzicht wäre aus den gleichen Gründen, die er bereits in der zweiten Kategorie unter dem Begriff "Soziologische Erklärungen" genannt hat, eine unhaltbare Annahme.
Für ihn lautet die entscheidende Frage: Warum sind sie nicht geblieben?
Selbst wenn Aliens die Erde innerhalb der letzten 5000 Jahre besucht hätten und dann wieder abgereist wären, bleibt die Frage unbeantwortet, warum die Erde nicht schon viel früher durch eine andere, viel ältere Zivilisation besiedelt wurde. Eine Zivilisation hätte die Erde schließlich auch schon vor 50 Millionen Jahren entdecken und kolonisieren können.
Für Hart ist diese lückenlose Abwesenheit von Kolonien über die gesamte Erdgeschichte hinweg das entscheidende Faktum. Es widerlegt die Hypothese früherer Besuche und verstärkt seine zentrale These: "Sie existieren nicht!".
An keiner Stelle seines Artikels erwähnte Hart jedoch Enrico Fermi. Einen Zusammenhang zwischen Hart und Fermi konstruierte der Physiker David G. Stephenson, der 1977 erstmals eine wissenschaftliche Kritik an Harts These formulierte, indem er Harts Grundannahme, dass sich jede fortgeschrittene Zivilisation wie die Menschheit ausbreitet und andere Welten besiedelt, infrage stellte.
Dabei verwendete er den von ihm erdachten, aber historisch ungenauen Begriff "Fermi-Paradoxon", der später jedoch auch politisch genutzt wurde, um weitere Finanzierungen des SETI-Projekts zu verhindern.