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Aliens und möglicher Kontakt

Theorien und Argumente zur Frage nach außerirdischen Zivilisationen und den Bedingungen eines möglichen Kontakts

- vom Fermi-Paradoxon über die Drake-Gleichung bis zur Hart-Tipler-These der Nichtexistenz von Aliens und den Folgen für das SETI-Projekt, den Gegenargumenten renommierter Wissenschaftler und aktuellen Suchmethoden...

Inhalt ( Teil 1 - 5 )

Teil IV: Die Konfrontation - Kritik an Hart und Tipler und neue Sichtweisen

Eine Sandwüste mit ein paar kleinen Steinen und einigen verstreuten, einfach gezeichneten Mülleimern, ein phantasievoll dargestellter nächtlicher Sternenhimmel
Kritik und neue Sichtweisen

D.G. Stephenson - Namensgeber des "Fermi-Paradoxons" und erster Kritiker (1977)

Nur zwei Jahre nach Michael Harts provokanter These, die Abwesenheit von Hinweisen auf Aliens würde bedeuten, dass sie nicht existieren, erschien die erste detaillierte wissenschaftliche Antwort. 1977 veröffentlichte David G. Stephenson, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Raumfahrt und Atmosphärenforschung in Kanada, in einem Artikel im "Journal of the British Interplanetary Society (JBIS)" unter dem Titel "Factors Limiting the Interaction Between Twentieth Century Man and Interstellar Cultures" ("Faktoren, die einen wechselseitigen Kontakt einschränken, zwischen dem Menschen des 20. Jahrhunderts und interstellaren Kulturen"), eine ausführliche Kritik an Harts These.

Stephenson stellte die Annahme infrage, dass jede fortgeschrittene Zivilisation sich wie die Menschheit ausbreitet und andere Welten besiedelt und beschrieb die Möglichkeit, dass sich außerirdische Kulturen, die bereits die Fähigkeit entwickelt hätten, interstellare Reisen durchzuführen, derart stark von der heutigen Menschheit unterscheiden würden, dass wir gar nicht in der Lage wären, sie zu entdecken. Wir würden aufgrund unserer eigenen Entwicklungsstufe in jedem Fall von falschen Annahmen ausgehen, wie ein solcher Kontakt zustande kommen könnte.

Dies würde unweigerlich zu der von Hart vertretenden Annahme führen, dass Aliens nicht existieren und gleichzeitig zu der Annahme, dass sie eigentlich dennoch existieren. Auf der einen Seite steht die völlige Abwesenheit von Beweisen, die nach Harts Logik für Nichtexistenz spricht. Auf der anderen Seite steht die hohe Wahrscheinlichkeit für außerirdisches Leben, die nahelegt, dass wir längst Besuch bekommen haben müssten, allein aufgrund der hohen Anzahl von hunderten Milliarden Sonnensystemen, von denen unzählige wiederum bewohnbare Planeten haben müssten.

Diesen Widerspruch fasste Stephenson unter dem Begriff "Fermi Paradoxon" zusammen.

Die Kritik an Harts Logik

Stephensons zentrale Kritik richtete sich gegen Harts wichtigste, aber unbewiesene Grundannahme, dass sich jede fortgeschrittene Zivilisation zwangsläufig wie die Menschheit verhalten würde, mit dem ständigen Bedürfnis, sich im Weltall immer weiter auszubreiten und neue Kolonien zu gründen. Stephenson erkannte, dass Hart und andere vor ihm, immer von einem bestimmten Muster ausgingen, wie sich Zivilisationen entwickeln und das er als "Virus Modell" bezeichnete.

In diesem Modell verhält sich ein interstellares Raumschiff wie ein Virus. Es reist in einem inaktiven, schlafenden Zustand durch den interstellaren Raum. Bei Erreichen eines geeigneten Wirts, also eines erdähnlichen Planeten in einem Sonnensystem, wird es aktiv, nutzt die lokalen Ressourcen, vermehrt sich exponentiell und entsendet neue Viren, um weitere Wirte zu befallen. Stephensons Einwand war, dass genau dieses Modell, den von ihm als "Fermi-Paradoxon" genannten Widerspruch erst produziert. Er hielt es für eine fehlerhafte und anthropozentrische Annahme, also eine Denkweise, die menschliche Interessen und Bedürfnisse über die anderer Lebewesen und die Natur stellt.

Das "Nomadische Modell" als wissenschaftlicher Gegenentwurf

Als Alternative schlug Stephenson eine ganz andere Perspektive vor, das "Nomadische" oder "Höhere Organismus" Modell. Er argumentierte, dass eine Zivilisation, die die technischen und sozialen Hürden interstellarer Reisen überwunden hat, sich fundamental von uns unterscheiden würde.

Autonome Existenz

Anstatt inaktiver Viren stellte sich Stephenson interstellare Kulturen als aktive, sich selbst erhaltende höhere Organismen vor. Sie wären ständig in ihren Raumschiffen aktiv, würden sich selbst reparieren, langsam wachsen und sich an ihre Umgebung anpassen. Sie bräuchten keinen planetaren Wirt.

Überwindung der Expansion

Er argumentierte, dass interstellare Reisen eine strenge Kontrolle der eigenen Fortpflanzung erfordern, um eine Bevölkerungskrise an Bord zu vermeiden. Eine Kultur, die dies meistert, hätte den natürlichen Ausdehnungstrieb der Menschheit überwunden. Ihr Ziel wäre nicht endlose Expansion, sondern die Aufrechterhaltung einer stabilen Population.

Der interstellare Raum als Heimat

Für eine solche nomadische Kultur wäre der interstellare Raum die wahre Heimat. Planetensysteme wie unseres wären für sie uninteressant oder sogar feindlich. Die inneren, strahlungsreichen Regionen mit ihren schweren Elementen wären für eine auf Kernfusion basierende Wirtschaft weitgehend nutzlos. Stephenson schrieb, die Annahme, eine solche Kultur würde sich "wie ein primitiver, planetengebundener Stamm um ein Sternenfeuer drängen" (wie die Menschheit, die mit ihrem Planeten um die Sonne kreist und von ihrer Wärme lebt), sei unklug.

Unsichtbare Besuche

Wenn eine solche Zivilisation überhaupt ein Sonnensystem anfliegen würde, dann nur, um in den äußeren, kalten Regionen bei Gasriesen oder im Asteroidengürtel leichte Elemente als Treibstoff zu tanken, bevor sie wieder in die Weiten des Alls verschwindet, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen.

Mit diesem Modell löste Stephenson den Widerspruch auf, anstatt ihn zu bestätigen. Seine Antwort auf die Frage "Warum sehen wir sie nicht" lautete, weil wir nach dem Falschen suchen. Wir suchen nach Kolonisten, die Planeten besiedeln, aber vielleicht sollten wir nach Nomaden suchen, die Planeten bewusst meiden. Die Abwesenheit von Beweisen ist laut Stephenson also kein Beweis für die Abwesenheit von Aliens, sondern ein Beleg für die Grenzen unserer eigenen Vorstellungen.

Newman und Sagan - Die mathematische Kritik (1978)

Fast zeitgleich mit Stephensons Kritik verfassten der bekannte US-amerikanische Astrophysiker, Science-Fiction- und Sachbuchautor Carl Sagan und der Astrophysiker William I. Newman im Jahr 1978 an der Cornell University, Ithaca, New York, USA, einen Artikel unter dem Titel "Galactic Civilizations: Population Dynamics and Interstellar Diffusion" ("Galaktische Zivilisationen: Bevölkerungsdynamik und interstellare Ausbreitung / Zerstreuung").

In dieser unabhängig von Stephenson entstandenen Arbeit widerlegten sie Harts Thesen auf eine ebenso grundlegende, aber rein mathematische Weise, indem sie aufzeigten, dass Hart die Geschwindigkeit eines einzelnen Raumschiffes mit der viel langsameren Ausbreitungsgeschwindigkeit einer gesamten Kolonisationswelle verwechselte.

Newman und Sagan beschrieben die Ausbreitung von Zivilisationen nicht als simple Eroberung neuer Welten, sondern verwendeten zur Berechnung der Ausdehnungsrate ein mathematisches Modell, das Populationsbiologen verwenden, wenn sie die Ausbreitung von Tierpopulationen untersuchen.

Ihr Modell zeigte, dass eine Expansion fast ausschließlich von der Randzone der besiedelten Region einer Zivilisation ausgeht, da die Welten in der Kernzone mit der Aufrechterhaltung ihrer eigenen, durch Ressourcen begrenzten Bevölkerung beschäftigt sind. Innen sind fast alle Nachbarsysteme schon besiedelt. Um eine neue Kolonie zu gründen, müsste man weit reisen und das ist teuer und riskant. An der Grenze hingegen liegt direkt nebenan noch unbesiedelter Raum, was den stärksten Anreiz zur Kolonisierung schafft.

Die Geschwindigkeit, mit der sich die Siedlungsgrenze einer Zivilisation ausdehnt, entspricht eher einer langsamen Welle mit längeren Pausen, da jede neue Kolonie Aufbau‑ und Entwicklungsphasen für ihre eigene Gesellschaft braucht, bevor sie selbst wieder Menschen entbehren kann, die wieder neue Kolonien gründen. Dieser Mechanismus verringert die Geschwindigkeit der galaktischen Ausbreitung dramatisch, um viele Größenordnungen gegenüber Harts Annahmen.

Frank J. Tipler - "Von-Neumann-Sonden" (1981)

Unterstützung erhielt Hart 1981 von dem Physiker Frank J. Tipler, der Harts Argumentation um die Idee der selbstreplizierenden Raumschiffe erweiterte, den so genannten "Von-Neumann-Sonden". Hierbei handelt es sich um ein hypothetisches Konzept des US-amerikanischen Physikers Robert A. Freitas Jr., das eine Weltraum-Sonde beschreibt, die zum nächsten Sonnensystem entsendet wird und dort identische Kopien von sich selbst herstellt, die ihrerseits wiederum zu weiteren Sonnensystemen starten, dort auch wieder identische Kopien von sich selbst herstellen, usw.

Freitas veröffentlichte dieses Konzept im Jahre 1980 in einer Studie mit dem Titel "A Self-Reproducing Interstellar Probe", das auf der Idee der selbstreproduzierenden Automaten des Mathematikers John von Neumann (1903 - 1957) beruht, wobei von Neumann selbst diese Automaten nicht für die Nutzung in der Weltraumforschung vorschlug.

Wie Hart, argumentierte nun auch Frank J. Tipler, dass sich aufgrund des hohen Alters der Galaxie und der hohen Anzahl an Sternen, Alien-Zivilisationen schon längst überall ausgebreitet und wir sie schon längst entdeckt haben müssten, allerdings nicht durch ihre Kolonien, sondern durch selbstreplizierende Raumschiffe. Da wir solche Hinweise jedoch nicht gefunden haben, so schlussfolgerte Tipler ähnlich wie Hart, würden sie auch nicht existieren.

Newman und Sagan - Kritik am "solipsistischen Ansatz zur außerirdischen Intelligenz" (1982)

Carl Sagan und William I. Newman erwiderten daraufhin 1982 in ihrem Artikel "The Solipsist Approach to Extraterrestrial Intelligence", der 1983 im britischen Wissenschaftsmagazin "Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society" erschien, dass intelligente Zivilisationen die Entwicklung solcher Sonden verhindern würden, da diese sich unkontrolliert vermehren und zu schnell alle verfügbaren Ressourcen verbrauchen würden und andere Zivilisationen, oder sie selbst, bedrohen könnten.

Die Abwesenheit solcher Sonden in unserem Sonnensystem deutet also nicht zwangsläufig darauf hin, dass es keine intelligenten Außerirdischen gibt. Daher plädieren die Autoren dafür, nicht ständig von unserer eigenen Zivilisationsgeschichte auf alle anderen zu schließen, eine Denkweise, die sie als "solipsistisch" (selbstbezogen) bezeichnen.

SETI-Finanzierung

Parallel zur wissenschaftlichen Debatte tobte auch ein politische Kampf um die Finanzierung des SETI-Projekts, die in den USA zunächst durch die US-Regierung erfolgte, dann aber Sparmaßnahmen des US-Kongresses zum Opfer fiel (SETI – Search for Extraterrestrial Intelligence, Suche nach extraterrestrischer Intelligenz).

Harts Annahme, Aliens würden gar nicht existieren, daher wäre eine Suche mit Hilfe von Radioteleskopen nach außerirdischen Funksignalen wahrscheinlich nur eine Verschwendung von Geld und Zeit, war für einige Mitglieder des Bewilligungsausschusses des Senats der US-Regierung eine willkommene Unterstützung für ihren Antrag, die Finanzmittel für die SETI-Forschung mit Hilfe von Radioteleskopen, zu streichen.

Die SETI-Forschung konnte aber dennoch fortgesetzt werden, da sich viele private Förderer fanden, weitere SETI-Projekte zu finanzieren.